Michael Jackson: On the Wall

Bundeskunsthalle Bonn

Unscheinbar, aber sicher das stärkste Bild der Ausstellung: das Familienhaus der Jacksons, der Grundstein für Jacksons Leben in all seinen Facetten. Eine von Leistungsdruck geprägte Kindheit, ein aggressiver, gewalttätiger Vater, der die Kinder zum Erfolg prügelt. Es ist eines der ganz wenigen biografischen Dokumente in der Ausstellung. Enge, Ausweglosigkeit, Sinnbild für die Situation eines großen Teils der schwarzen, amerikanischen Bevölkerung in den 60er Jahren. Der Charakter des Fotos steht in starkem Kontrast zu den dominanten, farbtrunkenen, oft pompös schwülstigen übrigen Exponaten. Wenn dieses Bild der Anfang ist, findet man Jacksons Ende in Pamela Rosenkranzs Animation Over my Brainbow (2011):

Grossaufnahme Michael Jackson. Deformiert. Durchscheinbar gemacht, mit Blick ins Leere. Opfer seiner eigenen Inszenierung. Der Gedanke des ‚Passing‘ ist nicht neu. Damit hat sich eine ganze Generation während der Harlem Renaissance in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts beschäftigt. Jackson benutzte keine chemischen Substanzen (oder doch?) wie der Protagonist Max Disher in George Schylers Roman Black no more (1931), er gleicht seine Physiognomie mit Hilfe von Operationen der der weißen Rasse an. DerTraum weiss zu werden und damit Teil einer Gesellschaft, die vermeintlich mehr wert, akzeptierter und erfolgreicher ist – gleichzeitig aber auch verantwortlich für den Leidensdruck. Michael Jackson trägt diesen Wunsch im Gesicht und macht ihn zu einer globalen message.

Die konzeptionelle Idee der Ausstellung: Michael Jackson als zunehmend global wirkendes Phänomen zu zeigen, insbesondere in der Interpretation anderer Künstler. Egal ob man ihn jemals mochte als Künstler oder Menschen, Michael Jackson hat die Welt der Musik/ Videoproduktion revolutioniert. Sein weltweiter Erfolg war bahnbrechend. Die Ausstellung On the Wall erreicht durch die jüngsten Vorwürfe gegen Michael Jackson eine neue rezeptorische Dimension und eine weitere, ganz tragische Komponente. Daraus ergibt sich ein (ungeplanter) Nebeneffekt. Durch die Missbrauchsvorwürfe wird ein Prozess angestossen: Die emotionale Interaktion verlässt die Ausstellungsräume und wird in andere Umgebungen transformiert – in ungeahnter Heftigkeit, initiiert von der Wucht der Information. Damit entspricht On the Wall (ungewollt) einem Trend im musealen Konzept hin zu einer neuen Form der Interaktion (jüngst wieder zu hören im Bonner Kunstmuseum beim Vortrag von Chris Dercon, Präsident der Réunion des Musées Nationaux et du Grand Palais, Paris (https://www.kunstmuseum-bonn.de/information/aktuell/). Laut Dercon stehe das Erlebnis im Vordergrund und nicht so sehr die ausgestellten Objekte. Und wenn eine Lösung von den Objekten stattfinde, könne das emotionale Erlebnis auch in andere Räume übertragen werden. Genau das passiert in On the Wall: Die Objekte treten in den Hintergrund und das, was sie auslösen hebt die Bindung zum Ausstellungsbereich auf. Die Besucher sind durch die jüngsten Nachrichten in ihrer Wahrnehmung verändert. Durch die Dokumentation Leaving Neverland https://www.prosieben.de/tv/leaving-neverland drängen sich auch bei Pamela Rosenkranzs Over my brainbow neue Assoziationen auf. In ihrer Animation sieht man jetzt die zwei Gesichter des für den Friedensnobelpreis nominierten Superstars: MJ als leere Hülle, dem weder Geld noch Ruhm geholfen haben, sein Schicksal zu bewältigen. So wie auch die Fotografie von seinem Elternhaus nicht mehr wirklich dazu dient, einen Kontrast zum späteren Zuhause MJs zu bilden: Es wird vielmehr Symbol für das sich wiederholende Unrecht. Einer der Hauptankläger in Leaving Neverland, Wade Robson, sagt, der Sänger sei einer der gütigsten, liebevollsten Menschen gewesen, die er kannte. Sollten die Vorwürfe des Missbrauchs zutreffen, hat Michael Jackson eines der grausamsten Verbrechen begangen, die ein Mensch begehen kann.

Künstler sind nicht selten als Menschen rücksichtslos, politisch unkorrekt und grausam, können aber trotzdem künstlerisch bewegend und bedeutsam sein. (Deutlich vor Augen geführt in der MeToo Debatte…) Beides geht zusammen. Das zeigt uns die Kunst immer wieder. Insofern wurde On the Wall ein statement, nicht so sehr wegen der Exponate, sondern wegen der Intensität, mit der die Ausstellung sich für die Bedeutung der Kunst ausspricht und sich gleichzeitig der Verantwortung stellt, die ausgelöste Kontroverse anzunehmen.

Die Ausstellung wurde von der National Portrait Gallery, London, entwickelt und mit der Bundeskunsthalle organsiert in Kooperation mit dem Michael Jackson Estate. Laufzeit 22. März-14. Juli 2019. https://www.bundeskunsthalle.de

Fotos mit freundlicher Genehmigung der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland.

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