art must be beautiful

The Cleaner

Schmerz als Läuterung – Die Performance Künstlerin Marina Abramović in der Bundeskunsthalle Bonn

„Art must be beautiful, Artist must be beautiful“ – diese sich ständig wiederholenden Worte hört der Besucher schon, wenn er sich noch im Eingangsbereich der Ausstellung The Cleaner aufhält. Er erfährt bereits akustisch eines der zentralen Themen, mit denen sich die Künstlerin Marina Abramović, geboren 1946 in Belgrad, auseinandersetzt: Schmerz. Die Bonner Retrospektive beginnt jedoch zunächst mit Abramovićs Performance The Artist is Present: 736 Stunden saß Marina Abramović anlässlich einer Ausstellung 2010 im New Yorker Museum of Modern Art reglos auf einem Stuhl und stellte sich allein durch stummen Augenkontakt dem mentalen und emotionalen Austausch mit Besuchern, die auf einem Stuhl ihr gegenüber Platz nehmen konnten. Radikal ist diese Arbeit in ihrer energetischen Gewichtung, wenngleich auch scheinbar still. Ruhig bleibt es im weiteren Gang durch die Ausstellung nicht, im Gegenteil, Abramovićs Auseinandersetzung mit immateriellen Kunstformen wie Klang und Performance ist laut und zieht den Zuschauer in ein Wechselspiel aus Faszination, Mitleid und Humor. Die Künstlerin stellt sich der Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit und ihrem Publikum absolut rückhaltlos. Nicht nur in ihrer körperlichen Nacktheit, sondern auch in einer kompromisslosen Art, ihrer Suche nach Grenzerfahrung oder ihrem Schmerz Ausdruck zu verleihen, wie etwa bei Lips of Thomas, einer Performance mit vielschichtiger Symbolik, die politische, okkulte und christliche Komponenten vereint und bei der Abramović sich mit einer Glasscherbe einen fünfzackigen Stern in den Bauch ritzt. Oder bei der Performance Art Must Be Beautiful, Artist Must Be Beautiful, in der sie sich nackt die Haare mit einer Metallbürste kämmt und sich bei dem symbolischen Akt der Verschönerung Gesicht und Kopf verletzt. Ursprünglich aus dem Jahr 1974 und damals gedacht als Protest gegen die damalig vorherrschende Adaption von Kunst als Dekorationsobjekt, zeigt die Bundeskunsthalle hier eine Re-Performance mit eigens für die Ausstellung gecasteten Menschen, die die Intensität der ursprünglichen Performance wieder beleben.

Re-Performance, Bundeskunsthalle Bonn

Heute aktueller denn je wird hier der Aspekt der Schnelllebigkeit von Kunst, der Vergänglichkeit von Schönheit, die Schnelllebigkeit überhaupt unmittelbar. So ist für den Intendanten der Bundeskunsthalle, Rein Wolfs, der Einsatz von Re-Performances essentiell, als immersives Gesamterlebnis für den Zuschauer und um die kunsthistorische Tragweite Abramovićs zu verdeutlichen.

Es werden Werke aus 50 Jahren gezeigt, einen Schwerpunkt bildet die gemeinsame Schaffenszeit mit dem deutschen  Künstler Ulay (Frank Uwe Laysiepen, *1943), der 12 Jahre ihr Lebenspartner war. Der Besucher der Bonner Retrospektive wird Zeuge, wie das Paar die Themen Symbiose und Dualität, Abhängigkeit und Vertrauen, Schmerz und Innigkeit durch seine Performances in die Öffentlichkeit bringt und in Interaktion mit dieser Prozesse freisetzt: Imponderabilia heisst eine Aktion, die Abramović und Ulay 1977 in Bologna zeigen. Sie positionieren sich – nackt und frontal zueinander– am Eingang des Museums. Der Abstand zwischen ihnen zwingt die eintretenden Zuschauer der damaligen Ausstellung, sich seitlich zu drehen, entweder Richtung Ulay oder Richtung Abramović. Die Genderfrage, die Frage nach Mut, nach unkalkulierbarer Energie und Scham wird erlebbar. In Bonn zeigen zwei Performer diese Aktion in der Ausstellung, nicht am Eingang, und der Besucher hat leider die Wahl, sich auf diesen Prozess einzulassen oder diesen Weg zu umgehen.

Re-Performance, Bundeskunsthalle Bonn, Imponderabilia

Die Performance des Künstlerpaares Abramović/ Ulay wurde damals von der italienischen Polizei abgebrochen, nicht ohne dass der zuständige Polizist die beiden nackten Künstler aufforderte, ihm ihre Papiere zu zeigen.

Das zentrale Thema Schmerz zieht sich auch durch den Bereich der Ausstellung, der Abramović in ihrer Auseinandersetzung mit dem Zerfall Jugoslawiens, dem Balkankrieg und ihrer serbisch-montenegrinischen Herkunft zeigt. Sie thematisiert Existenz, Brutalität, Vergänglichkeit und Trauer auf drastische Art, wie bei Balkan Baroque (1977), wo Abramović auf einem Berg blutiger Rinderknochen sitzt und versucht, diese sauber zu waschen, sie von Gewalt und Gestank zu befreien.

Im Verlauf der Ausstellung wird es stiller, die Methoden aber nicht weniger intensiv. Abramović wird spiritueller, widmet sich den sogenannten transitorischen Objekten, dem energetischen Austausch zwischen Steinen und Menschen etwa oder bewusstseinserweiternde Methoden wie Meditation und Einfachheit. Konkret wird der Besucher aufgefordert, innezuhalten, die Kraft der Mineralien, der Natur im weitesten Sinne wahrzunehmen. Was aber bleibt ist Marina Abramovićs rückhaltlose Zurschaustellung dessen, was sie bewegt und der Prozesse, die sie durchlebt. Es gipfelt in Luminosity, 1997, einer Videoarbeit, bei der sie nackt und ohne Bodenkontakt auf einem Fahrradsattel sitzt. Den Zuschauerblicken und damit der Öffentlichkeit schutzlos ausgeliefert – verstärkt durch stark ausleuchtendes Scheinwerferlicht – versucht die Künstlerin, die Balance zu halten und ihr inneres Gleichgewicht zu finden. In der Bundeskunsthalle ist diese Arbeit als sehr ästhetische Re-Performance zu sehen.

Die Künstlerin Marina Abramović durchlebt immer wieder Reinigungsprozesse, das Säubern als Befreiung. Schmerz als Grenzerfahrung prägt ihr künstlerisches Schaffen grundlegend. Sie setzt ihren Körper auf bahnbrechende Art als künstlerisches Experimentier- und Ausdrucksmittel ein, um ihre eigenen psychischen und physischen Grenzen und die zu ihrem Publikum zu erfahren.

Eine Ausstellung der Bundeskunsthalle in Kooperation mit dem Moderna Museet, Stockholm, und dem Louisiana Museum of Modern Art, Humlebaek. Die Ausstellung wird im Anschluss im Palazzo Strozzi, Florenz, gezeigt https://www.bundeskunsthalle.de/index.html

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